Chronik der Wölfe

Chronik der Wölfe

TEIL II: DAS RELIKT

Seit drei Wochen zeigten sich nun schon immer dieselben roten Wolken über dem kleinen Waldstück nordwestlich von Khald'eran, dem äußersten Außenposten der Nachtelfen in Ashenvale. Die Priesterinnen vom Orden der Mondgötting Elune hatten bereits vor zwei Wochen einen Boten zum hohem Rat von Astranaar geschickt, doch erst heute waren die beiden Wächterinnnen eingetroffen. Catheryne Silberhauch und Andrea Schattenmond waren mit ihren zweihundert Lebensjahren noch von recht jungem Alter, weshalb sie von den Priesterinnen den Rat erhalten hatten, auf ihrer Patrouille beim Lager der Druiden vorbeizuschauen.

Sie waren schon einige Stunden unterwegs und hatten vor, eine alte Tempelruine im Osten zu untersuchen. Kurz bevor sie die Ritualstätte erreichen hielt Andrea plötzlich inne und bedeutete ihrer Gefährtin, ruhig zu bleiben. "Duck dich, Cathy," flüsterte sie ihr zu, "am Eingang steht etwas." Beide Jägerinnen gingen runter auf den feuchten Waldboden und hielten sich hinter einem großen Gebüsch versteckt. "Sieht aus wie ein Schlammgolem..." flüsterte Andrea, die durch die Blätter spähte, als unversehens ein Gnoll hastig vorbeigerannt kam. Wenige Meter hinter den beiden Nachtelfinnen stoppte er, hielt seine Nase kurz in den Wind und wollte sich gerade umdrehen, als ein Pfeil sich in seinen Rücken bohrte.

Catheryne schaute überrascht zu ihrer Kollegin hin, die bereits wieder dabei war, den Bogen wegzupacken. "Komm schon, wir müssen hier weg", drängte Andrea und blickte vorsichtig auf den toten Gnollkörper. "Wunderst du dich nicht, vor was der Gnoll so schnell davongelaufen ist?", flüsterte Catheryne. "Erst holen wir Verstärkung, dann können wir immer noch untersuch...", kam die Antwort, doch bevor sie den Satz zu Ende sprechen konnte, wurde Andrea plötzlich von einer Gruftspinne von den Beinen gerissen und mit klebriger Seide eingefangen. Catheryne zog den langen Dolch und stürmte auf das Biest zu, doch als sie die Ausdruckslosigkeit in den Augen der gefangenen Nachtelfin sah, wusste sie, dass bereits zu spät war. "Lauf schon, du kannst mir nicht helfen", brachte Andrea mit leiser Stimme hervor, "suche ... die Druiden." Während die Spinne noch damit beschäftigt war, ihre Beute einzupacken, kam aus der Tempelruine dumpfes Gestöhne... und Catheryne lief wie sie noch nie zuvor gelaufen war.

Die Wächterin rannte um ihr Leben und konnte nur hoffen, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben, da die Sonne bereits untergegangen war, und sie die Sterne bei ihrem gegenwärtigen Tempo nicht erkennen konnte. Nur selten blickte sie nach hinten, denn der Atem der Geißel war auch über mehrere hundert Meter noch zu spüren. Nach einem stundenlangen Irrlauf durch den Wald erreichte sie endlich die Lichtung, wo sie das Lager der Druiden vermutete. Hastig durchsuchte sie das Laubwerk und die Überreste einer alten Siedlung, und erblickte schließlich an einem Ast ein langes Horn, in das sie feste hineinblies.

Es brauchte einige Minuten ehe der tiefe Ton verhallt war, und doch passierte nichts. Sie befürchtete bereits, durch diese unüberlegte Aktion den Zombies der Geißel ihren Standpunkt verraten zu haben, als sie plötzlich das Geschrei mehrerer Raben vernahm. Durch den Anblick erschrocken, kauerte sie sich an eine zusammengefallene Steinmauer. Die Raben setzten auf dem Boden auf und bevor Catheryne sich versah, verwandelten sie sich, umwoben von grünen Rauchschwaden, in Elfengestalten. Drei Druiden standen vor ihr, in den Händen einen alten knochigen Stab oder einen Dolch, gewandet in langen, federgespickten Umhängen.

"Ihr habt uns gerufen, Wächterin, so sprecht. Unsere Zeit im langen Schlaf war noch nicht abgelaufen, aber es scheint euch sehr wichtig zu sein?", sprach der Druide in der Mitte zu ihr. Schnell richtete die Jägerin sich auf und suchte nach den passenden Worten. "Die Geißel.. wir haben sie in einer alten Ruine überrascht, und nun sind sie hinter mir her. Ihr müsst mir Zuflucht gewähren, oder ich werde hier sterben und meine Meldung wird den Rat von Astranaar niemals erreichen."

Die Druiden wendeten sich von ihr ab und hielten eine scheinbar wortlose Besprechnung ab. Dann verwandelten sich zwei von ihnen wieder in Raben und flogen ohne weitere Erklärung davon. Der übriggebliebene Druide verbeugte sich kurz und sprach dann zu ihr: "Meine Name ist Corryn Traumweber, ich werde euch durch den Wald begleiten." Die Wächterin blickte etwas ungläubig, ein einziger Druide sollte sie vor einer Armee von Ghulen beschützen? "Dann lasst uns schnell nach Astranaar aufbrechen, Corryn.", antworte sie und machte sich gleich auf dem Weg.

Etwas verwirrt durch die Hast der jungen Elfin, sagte der Druide erstmal nichts und folgte ihr einfach. Doch ehe sie sich versahen, waren sie bereits von fünf untoten Kreaturen umkreist. "Bewegt euch nicht!", befahl Corryn und legte beide Hände an seinen Stab. Er bewegte die Lippen und wirkte einen unhörbaren Zauberspruch. Als er den Stab in die Höhe riss, bildete sich um die beiden Elfen ein Wirbelsturm, welcher drei Ghule gegen nahegelegene Bäume prallen ließ. Ein weiterer Untoter ging im Feenfeuer des Druiden auf, und mit einer konzentrierten Bewegung rammte Corryn dem letzten Zombie das Ende des Stabes in den Körper.

Während Catheryne noch den Schock verdaute, untersuchte der Druide die Untoten. "Es tut mir leid," wandte er sich an die Nachtelfin. "wir haben euren Ausführungen wohl zuwenig Bedeutung beigemessen. Dies sind keine einfachen, verdorbenen Kreaturen, wie sie an manchen kleineren Quellen der arkanen Magie entstehen können. Diese Kreaturen hier sind das Werk eines mächtigen Hexenmeisters." "Aber was suchen die hier in Ashenvale?" fragte die Wächterin. "Ihr sagtet etwas von einer alten Ruine ... bringt mich dorthin."

Als sie an den Ort des ersten Aufeinandertreffens mit der Geißel angelangt waren, war von den Untoten nichts mehr zu sehen. Nicht einmal die Schleimspur der Gruftspinne war auszumachen. "Ich befürchte schlimmes," murmelte Corryn ihr zu, während er in seinen Jahrhunderte alten Erinnerungen wühlte. Dann lief er plötzlich los, trat in den Tempel ein und rannte weiter bis in eine der hintersten Kammern, wo er vor einem Podest stehen blieb. "Hier wurde einst ein mächtiges Artefakt aufbewahrt," verriet er Catheryne, die ihm immer auf den Fersen geblieben war. "Der 'Schattenmantel' ist ein Relikt aus den Zeiten, lange bevor die ersten Orks unser Land betreten hatten. Er gehörte Königin Azshara, die vor vielen Tausend Jahren das erste Portal in die Sphäre der Dämonen geöffnet hat. Der Umhang ist durchsetzt von arkaner Magie - und wie es aussieht hat sich die Geißel seiner bemächtigt."

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