Chronik der Wölfe

Chronik der Wölfe

TEIL IV: STORMWIND

Beihnahe zwei Wochen lang sahen die beiden Nachtelfen und ihre zwergischen Begleiter nichts anderes als graue Gesteinslandschaften und heiße Lavaseen. Die Zwerge waren den Marsch durch Berge und andere unwirtliche Gegenden gewohnt, doch Corryn und Keira kamen nicht nur wegen der unheimlichen Hitze ins Schwitzen. Nachdem sie das Tal des Redridge-Gebirges erreicht hatten, machten sie daher erstmal eine ausgedehnte Pause in Lakeshire. Den restlichen Weg nach Stormwind konnten sie glücklicherweise erheblich verkürzen, nachdem ein fahrender Händler die fünf Wanderer auf seinem Wagen mitgenommen hatte.

Bereits der Eingang der Hauptstadt der Menschen versetzte sowohl Nachtelfen als auch Zwerge ins Staunen. Entlang der breiten Brücke über den Burggraben hatten die Menschen von Stormwind riesige Statuen ihrer Helden errichtet, und am anderen Ende der Brücke empfing ein hochrangiger Offizier auf einem prächtigen Ross die Besucher. Er wies ihnen den Weg zum Magierviertel, wo sie Savant trafen, der sich gerade mit einer Frau unterhielt.

"Ich grüße euch, Corryn Traumweber.", begrüßte er den Druiden, als die Gruppe eintrat. "Ah, und die Zwerge haben meine Nachricht auch erhalten, sehr gut! Aber wer ist denn eure hübsche Begleiterin, hmm?" Corryn schaute den Zauberer an, folgte seinem Blick und sah dann zu Keira. "Keira ist mein Name, Magier. Ich wurde vom Hohen Rat gesandt, um euch bei der Suche nach dem Relikt zu unterstützen.", antwortete sie dem Zauberer.

"Es freut mich euch kennenzulernen, Keira. Das hier", Savant deutete auf die junge Frau an seiner Seite, "ist Legata, eine Späherin und Kundschafterin des Reiches. Sie hat mir soeben berichtet, was wir über den Verbleib des Mantels herausgefunden haben." Legata stand auf, verbeugte sich knapp vor den Besuchern, und begann dann mit ihrem Bericht.

"Vor etwa drei Tagen hat ein Außenposten im Düsterwald eine Gruppe Untoter gemeldet, die Richtung Südwesten zog. Das seltsame an diesen Untoten war, dass sie weder von Tieren, noch von unseren Wachen angegriffen werden konnten. Die Spinnen, die dort sonst immer auf Opfersuche gehen, blieben tagelang in ihren Höhlen, und auch die wilden Wölfe gingen der Gruppe aus dem Weg. Unsere Wachen haben sie einfach ignoriert, weil alle Pfeile von ihnen abprallten, als wäre ihre Haut aus Stein."

Corryn schaute sie gebannt an, während sie weiter erzählte. "Wohin es die Untoten verschlagen hat, nachdem den Düsterwald hinter sich gelassen haben, ist uns leider nicht bekannt. Wie mir berichtet wurde, hat sich wohl ein Späher weiter hinaus gewagt, doch er kam nicht mehr zurück."

Savant übernahm nun die Gesprächsführung: "Wenn es stimmt, was Ihr mir über das Artefakt erzählt habt, braucht die Geißel einen Ort von starker arkaner Magie, um seine volle Wirkung zu entfalten. Daher gehen wir davon aus, dass die Untoten in Richtung des alten Portals nach Draenor unterwegs sind. Zwar wurde es nach dem zweiten Krieg zerstört, doch die magische Quelle sollte noch vorhanden sein."

"Wie sollen wir diese Mistkerle denn noch einholen? Sie haben bereits einen Vorsprung von fast einer halben Woche!", warf Buldarimm ein. "Keine Angst, kleiner Mann," entgegnete ihm Legata. "Ich habe bereits einen Boten zum Hauptmann der Paladine von Stormwind geschickt, es sollte alles vorbereitet sein."

Die Kundschafterin führte die Gruppe an den Kanälen vorbei zu einem Ausgang im Norden der Stadt. Auf einer Bergebene fanden sie eine weite Wiese mit angrenzenden Stallungen. "Wir sollen Menschenpferde reiten?" wunderte sich Calamar. "Nein," entgegnete ihm Legata lächelnd, und deutete auf eine größere Scheune, neben den Pferdestallungen. "Wir fliegen!"

Als sie die Scheune betraten, sahen sie mehrere Greifen in großen, strohbedeckten Ställen. "Während dem Krieg mit der brennenden Legion wurden die meisten der erfahrenen Flugtiere getötet, doch dank der Hilfe eines befreundeten Zwergenstammes, gelang es uns, neue Greifen einzufangen und zu zähmen. Die Armee von Stormwind kann drei Flugtiere entbehren."

Die Greifenmeister führten drei der Tiere nach draußen, wo die Gruppe sich zum Abflug bereit machte. Nur der Druide wartete ab. "Wollt ihr nicht mitkommen?" fragte Artag, der zusammen mit Buldarimm auf einem Greifen Platz genommen hatte. "Ihr könnt auch bei uns mitreisen wenn euch der Platz ausreicht." "Macht euch um mich keine Gedanken," entgegnete Corryn. Ruhig sprach er einen leisen Zauberspruch, und plötzlich wurden die Federn seines Umhanges dichter und länger; sein Körper verschwamm im Übergang von Zeit- und Raum, um dann in der Form eines Adlers wieder in der realen Welt zu erscheinen. "Meine Güte," staunte Artag, "da habt Ihr aber einiges gelernt in den letzten Jahren!"

Mit einem lauten Schrei erhob sich der Adler in die Lüfte, woraufhin die Greifen ebenfalls ihre Flügel ausbreiteten und abflogen.

Trotz der schnellen Flugtiere kamen die Gefährten nicht so schnell voran wie sie es gerne würden. Je weiter sie Richtung Osten vorstießen, desto stürmischer wurde es. Am Abend gerieten sie an den Grenzen des Düsterwaldes in ein tosendes Unwetter, welches sie zur Landung zwang. Wegen seiner geringen Größe suchte Corryn schon früh die Bodennähe und flog einige hundert Fuß hinter den Greifen, als er mitbekam wie eine heftige Böhe ein Flugtier zum Straucheln brachte und dadurch einen Reiter von seinem Rücken runterriss. Corryn setzte auf dem Boden auf und verwandelte sich wieder in seine Nachtelfenform zurück, während die Greifen vom Wind noch einige Meilen weiter getragen wurden.

Trotz der Dunkelheit sah der Druide den Wald klar und deutlich vor sich, wie in Zeitlupe sah er die große Gestalt, wie sie durch die Äste der Bäume brach und schließlich auf dem Waldboden liegen blieb. Als er sich ihr näherte, erkannte er die Kundschafterin Legata und versorgte ihre Wunden mit notdürftigen Verbänden.

"Ihr werdet es schaffen, der weiche Boden hat euren Aufprall gedämpft," sprach er zu ihr als die Benommenheit von ihr schwand. "Nehmt diesen Heiltrank, er wird euren Körper wärmen." sagte er und reichte ihr eine kleine Phiole. "Wo sind die anderen?" fragte Legata, nachdem der Trank ihr genügend Stärke zurückgegeben hatte. Corryn wollte gerade antworten, als ein lautes Zischen ihn unterbrach. Als er in die Richtung des Geräusches schaute, sah er einen orangenen Feuerball in den Himmel steigen, der schließlich in einem leuchtend grünen Kleeblatt explodierte und dabei funkelnden Staub auf die Blätterkronen regnen ließ. "Savant ..." entfuhr es dem lächelnden Druiden. "Anscheinend geht es ihnen ebenfalls gut. Aber wie es aussieht, sind sie weiter weg gelandet, als ich dachte. Der Weg durch den Wald ist zu gefährlich für eine verletzte Person."

Corryn legte einige große Äste auf den Boden und wirkte ein Feenfeuer auf das Holz. Trotz der Wärme der purpurnen Flammen schien das Holz nicht zu verbrennen. "Wir werden hier ein Lager aufschlagen und auf den Tagesanbruch warten", sagte er, "das Feuer wird uns schützen."

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