Chronik der Wölfe

Chronik der Wölfe

In dem kleinen Zimmer seht ihr einen Menschen, den Kopf tief über ein Pergament gebeugt. In der rechten Hand hält er einen Federkiel mit dem er undeutliche Zeichen auf das Papier malt. Sein ergrautes Haar lässt ihn weise erscheinen, doch auf eine gewisse Art auch alt und gebrechlich. Auf seinem Tisch stehen zwei Kerzen, die angefangen haben, wild zu flackern nachdem ihr die Türe geöffnet habt.

Als der Mann eurer Anwesenheit gewahr wird, legt er die Feder beiseite und dreht sich zu euch um. "Schön euch zu sehen, junger Freund. Ihr habt Glück, gerade schrieb ich die letzten Worte der Geschichte nieder." Langsam und müde kommen die Worte aus seinem Mund. "Kommt doch herein und setzt euch", spricht er und deutet auf eine mit Kissen gepolsterte Bank. Ihr setzt euch, und nachdem der Chronist der Silberwölfe den Stapel Blätter sortiert hat, beginnt er mit seiner Erzählung. "Nun denn, lasst euch erzählen von Corryn dem Druiden, und von den Silberwölfen, wie sie die dunklen Wolken über Azeroth vertrieben ..."


TEIL I: DIE INVASION DER BRENNENDEN LEGION

Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem die Orks das erste Mal den Boden dieser Welt betreten hatten. Viele Kriege waren geschlagen worden, doch keiner war dermaßen verheerend wie die Ankunft der Brennenden Legion. Vom Icecrown Gletscher auf dem Kontinent Northrend aus steuerte der Lich King Ner'Zhul seine Untotenarmee, die in Lordaeron als "Geißel" bekannt wurde. Erst waren nur einzelne Randgebiete betroffen, doch die von der Geißel verursachte Seuche breitete sich bald über ganz Lordaeron aus. Der Paladin Uther Lightbringer und seine Ritter der Silberhand untersuchten die ersten Meldungen von Untotenplagen in der Region um die Hauptstadt Lordaeron, doch sie waren den Untoten nicht gewachsen.

In Dalaran, südlich von Lordaeron, verschaffte sich der gefallene Prinz Arthas Zugang zum Zauberbuch des Erzmagiers Medivh. Mit der Hilfe des Dämonenlords Kil'jaeden öffnete er einen Zugang zwischen Azeroth und der dämonischen Sphäre bekannt als "Twisting Nether", von wo aus die "Brennende Legion" ihren zweiten Angriff auf Azeroth startete.

Der Dämon Archimonde und seine Hexenmeister fielen über Kalimdor her, wo sie die Ruhe der Nachtelfen störten und sich die Magie des Weltenbaumes Nordrassil auf dem Berg Hyjal zu Nutze machen wollten. Doch Medivh war als Prophet nach Azeroth zurückgekehrt, und brachte sowohl Orks als auch Menschen dazu, aus den Östlichen Königreichen die Überfahrt nach Kalimdor zu wagen, und sich der Legion entgegenzusztellen. Ein Teil der überlebenden Paladine des Ordens der Silberhand formte die Gemeinschaft der "Silberwölfe", eine Gruppe bestehend aus Menschen, Zwergen und Nachtelfen, die im Kampf gegen die Brennende Legion eingreifen sollte.

Beinahe ein ganzes Jahr lang wogte der Krieg mit den Dämonen, bis es schließlich dem Erzdruiden Malfurion Stormrage gelang, Archimonde zu vernichten. Nach dem Sieg über die Brennende Legion vereinbarten die Allianz und die Horde einen Waffenstillstand, sodass sich alle Völker dem Wiederaufbau ihrer durch die Kriege der letzten Jahrzehnte zerstörten Reiche zuwenden konnten, und auch die Mitglieder der Silberwölfe gingen getrennte Wege.

Die Menschen und Zwerge kehrten zurück in die Östlichen Königreiche, während die Orks sich unter der Führung ihres Häuptlings Thrall eine neue Heimat in Kalimdor suchten. Dort schlossen sie ein Bündnis mit den Tauren von Mulgore und ließen sich zusammen mit dem befreundeten Darkspear-Stamm der Trolle in einem Land nieder, welches Thrall nach seinem verstorbenen Vater benannte - Durotar.

Die Nachtelfen mussten sich vom Berg Hyjal zurückziehen, da der Weltenbaum alle seine Magie verbraucht hatte, um Archimonde zu vernichten. Dafür errichteten sie einige Kilometer vor der Küste Darkshores einen neuen Weltenbaum, Teldrassil, die Krone der Erde. Viele Nachtelfen genossen die Ruhe in ihrer neuen Heimat, doch gab es immer noch einige, die in den Wäldern von Darkshore und Ashenvale ihr Zuhause sahen, und an der Pflege und dem Wiederaufbau der Wälder mitwirkten.


TEIL II: DAS RELIKT

Seit drei Wochen zeigten sich nun schon immer dieselben roten Wolken über dem kleinen Waldstück nordwestlich von Khald'eran, dem äußersten Außenposten der Nachtelfen in Ashenvale. Die Priesterinnen vom Orden der Mondgötting Elune hatten bereits vor zwei Wochen einen Boten zum hohem Rat von Astranaar geschickt, doch erst heute waren die beiden Wächterinnnen eingetroffen. Catheryne Silberhauch und Andrea Schattenmond waren mit ihren zweihundert Lebensjahren noch von recht jungem Alter, weshalb sie von den Priesterinnen den Rat erhalten hatten, auf ihrer Patrouille beim Lager der Druiden vorbeizuschauen.

Sie waren schon einige Stunden unterwegs und hatten vor, eine alte Tempelruine im Osten zu untersuchen. Kurz bevor sie die Ritualstätte erreichen hielt Andrea plötzlich inne und bedeutete ihrer Gefährtin, ruhig zu bleiben. "Duck dich, Cathy," flüsterte sie ihr zu, "am Eingang steht etwas." Beide Jägerinnen gingen runter auf den feuchten Waldboden und hielten sich hinter einem großen Gebüsch versteckt. "Sieht aus wie ein Schlammgolem..." flüsterte Andrea, die durch die Blätter spähte, als unversehens ein Gnoll hastig vorbeigerannt kam. Wenige Meter hinter den beiden Nachtelfinnen stoppte er, hielt seine Nase kurz in den Wind und wollte sich gerade umdrehen, als ein Pfeil sich in seinen Rücken bohrte.

Catheryne schaute überrascht zu ihrer Kollegin hin, die bereits wieder dabei war, den Bogen wegzupacken. "Komm schon, wir müssen hier weg", drängte Andrea und blickte vorsichtig auf den toten Gnollkörper. "Wunderst du dich nicht, vor was der Gnoll so schnell davongelaufen ist?", flüsterte Catheryne. "Erst holen wir Verstärkung, dann können wir immer noch untersuch...", kam die Antwort, doch bevor sie den Satz zu Ende sprechen konnte, wurde Andrea plötzlich von einer Gruftspinne von den Beinen gerissen und mit klebriger Seide eingefangen. Catheryne zog den langen Dolch und stürmte auf das Biest zu, doch als sie die Ausdruckslosigkeit in den Augen der gefangenen Nachtelfin sah, wusste sie, dass bereits zu spät war. "Lauf schon, du kannst mir nicht helfen", brachte Andrea mit leiser Stimme hervor, "suche ... die Druiden." Während die Spinne noch damit beschäftigt war, ihre Beute einzupacken, kam aus der Tempelruine dumpfes Gestöhne... und Catheryne lief wie sie noch nie zuvor gelaufen war.

Die Wächterin rannte um ihr Leben und konnte nur hoffen, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben, da die Sonne bereits untergegangen war, und sie die Sterne bei ihrem gegenwärtigen Tempo nicht erkennen konnte. Nur selten blickte sie nach hinten, denn der Atem der Geißel war auch über mehrere hundert Meter noch zu spüren. Nach einem stundenlangen Irrlauf durch den Wald erreichte sie endlich die Lichtung, wo sie das Lager der Druiden vermutete. Hastig durchsuchte sie das Laubwerk und die Überreste einer alten Siedlung, und erblickte schließlich an einem Ast ein langes Horn, in das sie feste hineinblies.

Es brauchte einige Minuten ehe der tiefe Ton verhallt war, und doch passierte nichts. Sie befürchtete bereits, durch diese unüberlegte Aktion den Zombies der Geißel ihren Standpunkt verraten zu haben, als sie plötzlich das Geschrei mehrerer Raben vernahm. Durch den Anblick erschrocken, kauerte sie sich an eine zusammengefallene Steinmauer. Die Raben setzten auf dem Boden auf und bevor Catheryne sich versah, verwandelten sie sich, umwoben von grünen Rauchschwaden, in Elfengestalten. Drei Druiden standen vor ihr, in den Händen einen alten knochigen Stab oder einen Dolch, gewandet in langen, federgespickten Umhängen.

"Ihr habt uns gerufen, Wächterin, so sprecht. Unsere Zeit im langen Schlaf war noch nicht abgelaufen, aber es scheint euch sehr wichtig zu sein?", sprach der Druide in der Mitte zu ihr. Schnell richtete die Jägerin sich auf und suchte nach den passenden Worten. "Die Geißel.. wir haben sie in einer alten Ruine überrascht, und nun sind sie hinter mir her. Ihr müsst mir Zuflucht gewähren, oder ich werde hier sterben und meine Meldung wird den Rat von Astranaar niemals erreichen."

Die Druiden wendeten sich von ihr ab und hielten eine scheinbar wortlose Besprechnung ab. Dann verwandelten sich zwei von ihnen wieder in Raben und flogen ohne weitere Erklärung davon. Der übriggebliebene Druide verbeugte sich kurz und sprach dann zu ihr: "Meine Name ist Corryn Traumweber, ich werde euch durch den Wald begleiten." Die Wächterin blickte etwas ungläubig, ein einziger Druide sollte sie vor einer Armee von Ghulen beschützen? "Dann lasst uns schnell nach Astranaar aufbrechen, Corryn.", antworte sie und machte sich gleich auf dem Weg.

Etwas verwirrt durch die Hast der jungen Elfin, sagte der Druide erstmal nichts und folgte ihr einfach. Doch ehe sie sich versahen, waren sie bereits von fünf untoten Kreaturen umkreist. "Bewegt euch nicht!", befahl Corryn und legte beide Hände an seinen Stab. Er bewegte die Lippen und wirkte einen unhörbaren Zauberspruch. Als er den Stab in die Höhe riss, bildete sich um die beiden Elfen ein Wirbelsturm, welcher drei Ghule gegen nahegelegene Bäume prallen ließ. Ein weiterer Untoter ging im Feenfeuer des Druiden auf, und mit einer konzentrierten Bewegung rammte Corryn dem letzten Zombie das Ende des Stabes in den Körper.

Während Catheryne noch den Schock verdaute, untersuchte der Druide die Untoten. "Es tut mir leid," wandte er sich an die Nachtelfin. "wir haben euren Ausführungen wohl zuwenig Bedeutung beigemessen. Dies sind keine einfachen, verdorbenen Kreaturen, wie sie an manchen kleineren Quellen der arkanen Magie entstehen können. Diese Kreaturen hier sind das Werk eines mächtigen Hexenmeisters." "Aber was suchen die hier in Ashenvale?" fragte die Wächterin. "Ihr sagtet etwas von einer alten Ruine ... bringt mich dorthin."

Als sie an den Ort des ersten Aufeinandertreffens mit der Geißel angelangt waren, war von den Untoten nichts mehr zu sehen. Nicht einmal die Schleimspur der Gruftspinne war auszumachen. "Ich befürchte schlimmes," murmelte Corryn ihr zu, während er in seinen Jahrhunderte alten Erinnerungen wühlte. Dann lief er plötzlich los, trat in den Tempel ein und rannte weiter bis in eine der hintersten Kammern, wo er vor einem Podest stehen blieb. "Hier wurde einst ein mächtiges Artefakt aufbewahrt," verriet er Catheryne, die ihm immer auf den Fersen geblieben war. "Der 'Schattenmantel' ist ein Relikt aus den Zeiten, lange bevor die ersten Orks unser Land betreten hatten. Er gehörte Königin Azshara, die vor vielen Tausend Jahren das erste Portal in die Sphäre der Dämonen geöffnet hat. Der Umhang ist durchsetzt von arkaner Magie - und wie es aussieht hat sich die Geißel seiner bemächtigt."


TEIL III: DIE SILBERWÖLFE

"Hoch verehrter Magister Savant,

ich schreibe nur selten Briefe an Menschen, und noch seltener an Menschen die sich der arkanen Magie verschrieben haben, doch ich benötige Eure Hilfe. Sicher habt ihr selber bereits alle Hände voll zu tun um den Verwüstungen der Geißel Einhalt zu gebieten, doch eine ganz besondere Bedrohung steht uns kurz bevor. Diener der Geißel sind in das Land der Kaldorei eingedrungen und haben ein mächtiges Relikt entwendet, den 'Schattenmantel'. Er ist so mächtig, dass die Kaldorei ihn vor vielen tausenden Jahren in einen Tempel versteckten, eingeschlossen von meterdicken Steinmauern.

Das Wissen über dieses Artefakt war nur den Druiden und Priestern vorbehalten, und dennoch gelang es einer Gruppe Untoter, das Versteck ausfindig zu machen und den Schattenmantel zu stehlen. Sowohl ich als auch der Rat von Astranaar ist der Meinung, dass ein noch mächtigerer Hexenmeister die Untoten gesandt hat, um das Relikt für ein magisches Ritual zu benutzen. Den alten Aufzeichnungen der Priesterinnen zufolge, kann der Schattenmantel benutzt werden, um Schattenmagier aus der Dunklen Leere in unsere Dimension treten zu lassen, besonders wenn es durch eine bereits vorhandene Portalmagie kanalisiert werden kann.

Wir müssen schnellstens handeln und die Geißel aufhalten, bevor sie das dunkle Portal erreichen kann. Deshalb bitte ich euch, unseren alten Bund, die Gemeinschaft der Silberwölfe, wieder auferstehen zu lassen. Ruft diejenigen zu euch, die in den östlichen Königreichen leben, Zwerge und Menschen, Magier und Krieger, Paladine und Jäger. Ich selber werde unverzüglich nach Stormwind aufbrechen. Bis dahin versucht bitte alle Informationen über die Aktivitäten der Geißel zusammenzutragen.

Möge Elunes Segen eure Wege begleiten, in Hochachtung,

Corryn Traumweber"

Der Druide setzte noch seine Unterschrift unter den Brief und übergab ihm dann den Goblinpiloten, der einmal pro Tag mit seinem Wasserflugzeug an der Küste von Auberdine halt machte, um die Briefe für die Östlichen Königreiche abzuholen. Seit die Gnome sich bei ihren Entwicklungen mit den Goblins berieten, konnte man jeden Tag neue seltsame Maschinen in Kalimdor sehen. Es würde nicht lange dauern - dachte er bei sich selbst - bis die Gnome eine Maschine entwickeln würden, mit der sie sich vom östlichen Kontinent nach Kalimdor durchgraben konnten.

Aber bis es soweit war, benutzte er lieber die großen Handelsschiffe der Menschen, die sie in wenigen Tagen nach Menethil Hafen bringen würden. Keira, eine fähige Jägerin, war ihm vom Wächterrat aus Astranaar zugeteilt worden, und wartete bereits am Dock auf ihn. Nachdem sie in Menethil angekommen waren, war es noch ein weiter Weg bis in die Hauptstadt der Menschen.

Insgesamt sieben Tage brauchten die beiden Nachtelfen bis sie die verschneiten Gipfel Dun Moroghs erreichten. In der Hauptstadt Ironforge erwartete sie bereits eine Gruppe Zwerge, die sich gerade lautstark über die Vorzüge verschiedener Biersorten ausließen, als sich zwei Krieger aus der Gruppe lösten. Corryn erkannte die beiden sofort wieder. "Artag, Buldarimm, wie schön euch wiederzusehen." "Und was ist mit mir?", schallte es aus einer der hinteren Reihen. Der Druide versuchte, die verschiedenen Zwerge auseinander zuhalten, doch erst als sich einer der Zwerge von den anderen hochheben ließ, bemerkte Corryn ihn. "Tut mir leid, an dein Gesicht vermag ich mich nicht mehr zu erinnern. Ich schätze der lange Schlaf hat einige meiner Erinnerungen etwas zu tief vergraben." "Calamar bin ich, du großes, langohriges, blauhäutiges Etwas! Du willst doch wohl nicht sagen, dass du die tausenden Schlachten vergessen hast, in denen ich dir das Leben gerettet hab?"

Corryn überlegte kurz, konnte sich aber nicht an ein solches Ereignis erinnern. "Wird schon stimmen, wenn ihr das sagt, Calamar." entgegnete er ironisch. "Aber wir haben keine Zeit, lange über alte Zeiten zu sprechen. Wir müssen schnellstens nach Stormwind." "Zu Fuß sind es viele Tagesmärsche von hier," antwortete ihm Buldarimm, "die Gnomenbahn ist ja noch nicht fertig."

"Gnomenbahn?", entgegnete Keira und schaute die Zwerge fragend an. "Oh, ihr habt es wahrscheinlich noch nicht gehört," antwortete ihr Artag. "Die Gnome bauen seit einem Jahr an einem Tunnel von hier aus bis nach Stormwind." Ungläubig schauten sich die beiden Nachtelfen an. "Naja eigentlich haben die Gnome nur die Pläne gemalt, wir Zwerge graben. Aber es dauert halt noch ein paar Monate, bis die Untergrundbahn in Betrieb genommen werden kann."

"Sollte ich jemals mit dieser Bahn fahren müssen", meinte Corryn trocken, "werde ich erst einen Zwerg drauf setzen und nachschauen, ob er am anderen Ende auch wieder herauskommt." Die Zwerge lachten, kamen dann aber wieder auf den eigentlich Sinn ihres Treffens zurück. "Wenn wir nach Stormwind wollen, dann sollten wir sofort aufbrechen. Ich hoffe ihr seid für einen langen Marsch gerüstet, wir müssen durch die Brennende Steppe!"


TEIL IV: STORMWIND

Beihnahe zwei Wochen lang sahen die beiden Nachtelfen und ihre zwergischen Begleiter nichts anderes als graue Gesteinslandschaften und heiße Lavaseen. Die Zwerge waren den Marsch durch Berge und andere unwirtliche Gegenden gewohnt, doch Corryn und Keira kamen nicht nur wegen der unheimlichen Hitze ins Schwitzen. Nachdem sie das Tal des Redridge-Gebirges erreicht hatten, machten sie daher erstmal eine ausgedehnte Pause in Lakeshire. Den restlichen Weg nach Stormwind konnten sie glücklicherweise erheblich verkürzen, nachdem ein fahrender Händler die fünf Wanderer auf seinem Wagen mitgenommen hatte.

Bereits der Eingang der Hauptstadt der Menschen versetzte sowohl Nachtelfen als auch Zwerge ins Staunen. Entlang der breiten Brücke über den Burggraben hatten die Menschen von Stormwind riesige Statuen ihrer Helden errichtet, und am anderen Ende der Brücke empfing ein hochrangiger Offizier auf einem prächtigen Ross die Besucher. Er wies ihnen den Weg zum Magierviertel, wo sie Savant trafen, der sich gerade mit einer Frau unterhielt.

"Ich grüße euch, Corryn Traumweber.", begrüßte er den Druiden, als die Gruppe eintrat. "Ah, und die Zwerge haben meine Nachricht auch erhalten, sehr gut! Aber wer ist denn eure hübsche Begleiterin, hmm?" Corryn schaute den Zauberer an, folgte seinem Blick und sah dann zu Keira. "Keira ist mein Name, Magier. Ich wurde vom Hohen Rat gesandt, um euch bei der Suche nach dem Relikt zu unterstützen.", antwortete sie dem Zauberer.

"Es freut mich euch kennenzulernen, Keira. Das hier", Savant deutete auf die junge Frau an seiner Seite, "ist Legata, eine Späherin und Kundschafterin des Reiches. Sie hat mir soeben berichtet, was wir über den Verbleib des Mantels herausgefunden haben." Legata stand auf, verbeugte sich knapp vor den Besuchern, und begann dann mit ihrem Bericht.

"Vor etwa drei Tagen hat ein Außenposten im Düsterwald eine Gruppe Untoter gemeldet, die Richtung Südwesten zog. Das seltsame an diesen Untoten war, dass sie weder von Tieren, noch von unseren Wachen angegriffen werden konnten. Die Spinnen, die dort sonst immer auf Opfersuche gehen, blieben tagelang in ihren Höhlen, und auch die wilden Wölfe gingen der Gruppe aus dem Weg. Unsere Wachen haben sie einfach ignoriert, weil alle Pfeile von ihnen abprallten, als wäre ihre Haut aus Stein."

Corryn schaute sie gebannt an, während sie weiter erzählte. "Wohin es die Untoten verschlagen hat, nachdem den Düsterwald hinter sich gelassen haben, ist uns leider nicht bekannt. Wie mir berichtet wurde, hat sich wohl ein Späher weiter hinaus gewagt, doch er kam nicht mehr zurück."

Savant übernahm nun die Gesprächsführung: "Wenn es stimmt, was Ihr mir über das Artefakt erzählt habt, braucht die Geißel einen Ort von starker arkaner Magie, um seine volle Wirkung zu entfalten. Daher gehen wir davon aus, dass die Untoten in Richtung des alten Portals nach Draenor unterwegs sind. Zwar wurde es nach dem zweiten Krieg zerstört, doch die magische Quelle sollte noch vorhanden sein."

"Wie sollen wir diese Mistkerle denn noch einholen? Sie haben bereits einen Vorsprung von fast einer halben Woche!", warf Buldarimm ein. "Keine Angst, kleiner Mann," entgegnete ihm Legata. "Ich habe bereits einen Boten zum Hauptmann der Paladine von Stormwind geschickt, es sollte alles vorbereitet sein."

Die Kundschafterin führte die Gruppe an den Kanälen vorbei zu einem Ausgang im Norden der Stadt. Auf einer Bergebene fanden sie eine weite Wiese mit angrenzenden Stallungen. "Wir sollen Menschenpferde reiten?" wunderte sich Calamar. "Nein," entgegnete ihm Legata lächelnd, und deutete auf eine größere Scheune, neben den Pferdestallungen. "Wir fliegen!"

Als sie die Scheune betraten, sahen sie mehrere Greifen in großen, strohbedeckten Ställen. "Während dem Krieg mit der brennenden Legion wurden die meisten der erfahrenen Flugtiere getötet, doch dank der Hilfe eines befreundeten Zwergenstammes, gelang es uns, neue Greifen einzufangen und zu zähmen. Die Armee von Stormwind kann drei Flugtiere entbehren."

Die Greifenmeister führten drei der Tiere nach draußen, wo die Gruppe sich zum Abflug bereit machte. Nur der Druide wartete ab. "Wollt ihr nicht mitkommen?" fragte Artag, der zusammen mit Buldarimm auf einem Greifen Platz genommen hatte. "Ihr könnt auch bei uns mitreisen wenn euch der Platz ausreicht." "Macht euch um mich keine Gedanken," entgegnete Corryn. Ruhig sprach er einen leisen Zauberspruch, und plötzlich wurden die Federn seines Umhanges dichter und länger; sein Körper verschwamm im Übergang von Zeit- und Raum, um dann in der Form eines Adlers wieder in der realen Welt zu erscheinen. "Meine Güte," staunte Artag, "da habt Ihr aber einiges gelernt in den letzten Jahren!"

Mit einem lauten Schrei erhob sich der Adler in die Lüfte, woraufhin die Greifen ebenfalls ihre Flügel ausbreiteten und abflogen.

Trotz der schnellen Flugtiere kamen die Gefährten nicht so schnell voran wie sie es gerne würden. Je weiter sie Richtung Osten vorstießen, desto stürmischer wurde es. Am Abend gerieten sie an den Grenzen des Düsterwaldes in ein tosendes Unwetter, welches sie zur Landung zwang. Wegen seiner geringen Größe suchte Corryn schon früh die Bodennähe und flog einige hundert Fuß hinter den Greifen, als er mitbekam wie eine heftige Böhe ein Flugtier zum Straucheln brachte und dadurch einen Reiter von seinem Rücken runterriss. Corryn setzte auf dem Boden auf und verwandelte sich wieder in seine Nachtelfenform zurück, während die Greifen vom Wind noch einige Meilen weiter getragen wurden.

Trotz der Dunkelheit sah der Druide den Wald klar und deutlich vor sich, wie in Zeitlupe sah er die große Gestalt, wie sie durch die Äste der Bäume brach und schließlich auf dem Waldboden liegen blieb. Als er sich ihr näherte, erkannte er die Kundschafterin Legata und versorgte ihre Wunden mit notdürftigen Verbänden.

"Ihr werdet es schaffen, der weiche Boden hat euren Aufprall gedämpft," sprach er zu ihr als die Benommenheit von ihr schwand. "Nehmt diesen Heiltrank, er wird euren Körper wärmen." sagte er und reichte ihr eine kleine Phiole. "Wo sind die anderen?" fragte Legata, nachdem der Trank ihr genügend Stärke zurückgegeben hatte. Corryn wollte gerade antworten, als ein lautes Zischen ihn unterbrach. Als er in die Richtung des Geräusches schaute, sah er einen orangenen Feuerball in den Himmel steigen, der schließlich in einem leuchtend grünen Kleeblatt explodierte und dabei funkelnden Staub auf die Blätterkronen regnen ließ. "Savant ..." entfuhr es dem lächelnden Druiden. "Anscheinend geht es ihnen ebenfalls gut. Aber wie es aussieht, sind sie weiter weg gelandet, als ich dachte. Der Weg durch den Wald ist zu gefährlich für eine verletzte Person."

Corryn legte einige große Äste auf den Boden und wirkte ein Feenfeuer auf das Holz. Trotz der Wärme der purpurnen Flammen schien das Holz nicht zu verbrennen. "Wir werden hier ein Lager aufschlagen und auf den Tagesanbruch warten", sagte er, "das Feuer wird uns schützen."


TEIL V: ENTFESSELUNG DER MAGIE

Am nächsten morgen brachen Corryn und Legata bei Durchbruch der ersten Sonnenstrahlen auf. Nach einer zweistündigen Wanderung trafen sie Savant, Keira und die drei Zwerge an einem Lagerfeuer an, wie sie gerade gebratenes Eberfleisch verspeisten und sich unterhielten. "Schau mich nicht so grimmig an," entgegnete der Magier, als er den Blick des Druiden bemerkte, "ich hab nur für das Feuer gesorgt, der Rest kam von den Zwergen." Die Zwerge lachten und boten den Beiden einen Platz am Feuer an. "Wahrscheinlich habt ihr recht," nahm Corryn die Einladung an, "es ist bereits viele Tage her, dass wir zuletzt gut gegessen haben."

Als sich zur Mittagszeit auch die letzten Wolken verzogen hatten, brachen die sieben wieder auf. Es dauerte nicht lange, da erreichten sie mit ihren Flugtieren eine kahle, braune Landschaft. "Das muss die verdammte Region sein, wo dieser wahnsinnige Medivh vor vierundzwanzig Jahren diese verfluchten Orks nach Azeroth gelassen hat!", schrie Artag den anderen zu. Der Krieger hielt Ausschau nach verdächtigen Bewegungen, konnte aber nichts erkennen.

"Erkennt ihr etwas da unten, Jägerin?", rief er Keira zu. "Nur Staub und Stein," kam die Antwort zurück. "Doch halt, ich sehe eine kleine Gruppe die sich schnell südwärts bewegt, dort unten, an dieser Weggabelung!" "Im Norden ist die alte Burg Nethergarde, ich frage mich ob dort noch Menschen leben." sagte Savant. "Dafür haben wir keine Zeit.", entgegnete Keira. "Am besten wir landen außerhalb ihrer Sichtweite auf dem Berg dort unten."

Die drei Greifen landeten diesmal problemlos auf den zerklüfteten Felsen des Bergmassivs, nur Corryn stieß zwei kurze Schreie aus und erhob sich dann wieder in die Luft. "Was macht er nun schon wieder?", fragte Calamar. "Den Feind ausspähen, würde ich sagen." mutmaßte Legata.

Die sechs Kämpfer beobachteten wie der Adler seine Kreise zog, langsam über die fremde Gruppe hinwegschwebte und schließlich in einem langgezogenen Bogen wieder zurückkehrte. "Es sind tatsächlich Untote," berichtete der Druide, nachdem er sich wieder zurückverwandelt hatte, "und sie haben es sehr eilig, zum zerstörten Portal zu gelangen. Wenn sie sich mit der jetzigen Geschwindigkeit fortbewegen, haben sie in zehn Minuten den Rand des Kraters." "Wieviele Gegner?", fragte Buldarimm, und wog seinen schweren Hammer bereits in den Händen. "Zehn Untote, aber ob Magier oder Krieger vermochte ich nicht zu erkennen." "Dann auf zum Angriff!", rief Artag, und stürmte mit einem lauten Kampfschrei auf den Feind zu. "Einer für jeden und der Rest für mich!"

Bevor Artag die Untoten erreicht hatte, hagelte bereits eine Ladung von Keiras Pfeilen auf sie herab, jedoch prallten die Geschosse an ihrem Magieschild ab. "Buldarimm und Calamar", rief Artag den seinen zwergischen Freunden zu, "jetzt oder nie!" Die beiden Zwerge stellten sich den Untoten in den Weg, beide ihre magischen Hämmer erhoben. "Siegel der Rechtschaffenheit, offenbare uns die Schwäche dieser unreinen Wesen!" "Heiliges Licht der Gerechtigkeit, fahre nieder und vollstrecke dein Urteil!"

Blitze schlugen aus den Hämmern und Flammen fuhren aus Untoten. Zwei Krieger stürzten sich auf die Zwerge, doch ihre Körper wurden von der Wucht der Hämmer zerschmettert bevor sie sie ereichen konnten. Artag spaltete einem weiteren Krieger den Kopf, während Legata sich von hinten an einen Hexenmeister herangeschlichen hatte und ihm mit ihrem Gift die Lebensenergie entzog. Savant beschwor einen magischen Sturm und ließ Meteore aus Feuer und Eis auf die Untoten niederregnen.

Es dauerte nicht lange, da lagen alle Untote regungslos am Boden. "Na also, und nun lasst uns das Artefakt nehmen und verschwinden!", forderte Calamar. Aber weder auf dem Boden noch in den Händen der regungslosen Untoten war der Mantel zu entdecken. "Dort läuft noch einer!", rief Keira, die einen Untoten-Kämpfer an der Steigung zum Krater entdeckte. "Nicht mehr lange," brummte Corryn und richtete seinen Stab auf den Flüchtenden. Wurzeln wuchsen aus dem Boden, wickelten sich um die Beine des Untoten und hielten ihn fest. Zwei Pfeile aus Keiras Bogen und ein Feuerball des Magiers erledigten den Rest.

Hastig eilte Corryn zu den verkohlten Überresten und suchte nach dem Relikt. Er fand es eingewickelt in einem einfachen Leinenbeutel, der jedoch anscheinend Meteorenstürme und Feuerball gut überstanden hatte. Gerade als er den Beutel an sich nehmen wollte, spürte er wie sich ihm die Atemluft entzog und er plötzlich mehrere Meter nach hinten geschleudert wurde.

Vor ihnen türmte sich eine etwa sechs Fuß große Gestalt auf, gewandet in dunkler Rüstung, in der rechten Hand einen langen Stab mit einem dunkelblauen Kristall an seinem Ende. Das Gesicht halb verborgen von einer Maske, blickte er stumm auf die Gruppe herab. Mit seiner freien Hand griff die Gestalt nach unten, packte den Schattenmantel und warf ihn sich mit einer Handbewegung über.

Kaum hatte der Hexenmeister den Umhang umgeworfen, verschwand er plötzlich, und im Krater war nur noch die flirrende Luft über dem warmen Gestein zu sehen. "Was soll das? Wir müssen etwas tun!", rief Artag. Die Zwerge begannen wild zu diskutieren. Doch Savant hob die Hand. "Haltet euch bereit, noch haben wir nicht verloren." Der Magier stellte sich an den Rand des Kraters und breitete die Arme aus. Ein sonderbares Geräusch erhob sich aus aus allen vier Himmelsrichtungen, als Savant lautstark die Elemente der Erde anrief.

Eine Windhose bildete sich nahe dem Portal und wurde mit jedem Moment stärker. Sand und Gestein wirbelten umher und alle außer Savant bedeckten ihr Gesicht um sich vor dem Wind zu schützen. Der Magier lachte laut auf. "Seht her, seht her, was die Kräfte der Natur vermögen. Der Scherge des Bösen, wie ein Wurm er sich windet!"

Als sie zum Portal blickten sahen sie tatsächlich, wie der dunkle Hexenmeister sich mit aller Kraft an einem Felsen festhielt und versuchte, mit seinem Stab ein Schutzfeld gegen die umherfliegenden Steine zu bilden. Der Sturm hatte ihm den Umhang entrissen und an den Rand des Kraters getragen, wo Savant ihn wieder in den Leinenbeutel packte und an sich nahm. "Jetzt lasst uns verschwinden", sprach er zu seinen Begleitern, "meine Kräfte haben stark nachgelassen und wir würden es nicht mit dem Feind aufnehmen können, sobald der Sturm vorüber geht."


TEIL VI: ASHENVALE

Nachdem der Schattenmantel in die Obhut der Priesterinnen gebracht worden war, legten sie ihn wieder an seinen angestammten Platz in den alten Tempel, tief versteckt im Dschungel von Ashenvale. Zu Ehren der Silberwölfe beschworen die Druiden des Ordens zwei mächtige Wölfe, deren weißes Fell im Mondlicht schimmerte, als wäre es von Silberadern durchzogen. Diese beiden magischen Wesen sollten fortan jeden Eindringling durch ihre imposante Erscheinung davon abhalten, sich dem Mondtempel zu nähern. Sollte es doch einmal jemand wagen, den Tempel entweihen zu wollen, würden die Wölfe ihn innerhalb weniger Sekunden in Stücke gerissen haben.

Als die Beschwörungszeremonie vorbei war, versammelte Corryn die Gemeinschaft am nahegelegenen Mystralsee. "Freunde," trat er hervor und sprach mit lauter Stimme zu der Menge, "heute haben wir alle einen großen Sieg über die Dämonenfürsten errungen." Die versammelten Kämpfer begannen zu jubeln, doch der Druide fuhr weiter fort und klang nun bedrohlicher, als er die Gefahren erwähnte, die Azeroth heimsuchten. "Feiert nicht zu früh, denn die Bedrohung ist keinesweg gebannt! Wie die Zwerge mir berichteten, ist das Königreich Lordaeron überrannt von Untoten, während bösartige Nagas und Murlocs die Gewässer der Östlichen Königreiche verderben. Auch in Kalimdor trauen sich die Orks und Trolle immer weiter vor, und kaum ein Tag vergeht ohne Angriffe auf unsere Siedlungen an den Grenzen."

Um den Druiden herum war es plötzlich ganz still geworden. Der Zorn in seiner Stimme schwoll zu einem triumphalen Schlachtruf an, als er verkündete "Vor vielen Jahren haben die Silberwölfe bereits endlose Kämpfe gegen die Mächte des Chaos gefochten! Von nun an sollen wir wieder vereint sein, und wie früher sollen sie sich wieder vor uns fürchten!"

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